Pele, morgen genau vier Monate alt, hat trotz ihres zarten Alters schon so etwas wie ein Hobby: schäkern. Morgens im Bus, wenn wir Lara in den Kindi bringen oder gebracht haben, ist ihr liebstes Betätigungsfeld, aber auch bei jeder anderen sich bietenden Gelegenheit, wo ein paar Leute in Kontaktweite um sie herum sind. Dann sucht sie sich jemanden raus und guckt die Person so lange an (und Babys haben ja irgendwie immer sowas leicht Vorwurfsvolles, wenn sie einfach nur gucken), bis diese das bemerkt und in irgendeiner Form die Kontaktaufnahme erwidert (meistens lächeln sie natürlich, aber zurückgucken reicht auch). Und dann lächelt sie ihr breitestes zahnloses Babylächeln, manchmal versteckt sie sich auch kurz hinter ihrem Tuch, bei mir im Pulli, nur um gleich wieder aufzutauchen und den Menschen wieder anzulachen. Das ist ein richtiges Spiel, und ich habe den Eindruck, dass ihr das großen Spaß macht.
Mir kam da der Gedanke, dass das so überhaupt nicht funktionieren würde, wenn ich sie statt im Tragetuch in einem Kinderwagen hätte. Da könnte sie zum einen immer nur die Decke vom Bus bzw. den Himmel, oder womöglich sogar nur die Innenseite ihres Wagendachs angucken, denn sie kann noch nicht sitzen. Zum anderen könnte sie sich nicht selber raussuchen, wen sie anlachen möchte, sondern muss nehmen, was immer da kommt, sprich alle aufdringlichen alten Schachteln, die sich über den Wagen beugen und gutschi-gutschi machen. Der vielleicht größte Unterschied ist aber, dass sie den Leuten nicht auf gleicher Ebene begegnet, sondern ziemlich hilflos daliegt. (Zum Vergleich: Stell Dir vor, Du liegst fast bewegungsunfähig in einem Bett und jemand Fremdes beugt sich über Dich, oder Du befindest Dich in dichtem Kontakt mit einem Menschen Deines Vertrauens und siehst eine fremde Person ungefähr auf Augenhöhe. Wie fühlst Du Dich?) Im Tuch kann sie sich jederzeit wegdrehen oder sogar in meinem Pulli verkrabbeln, wenn sie genug hat, und ich bin immer direkt und unmittelbar da.
Ich würde sagen, das ist einer meiner Lieblingsgründe für das Tragen im Tuch: dass es einem Baby maximale Eigenständigkeit ermöglicht. Denn in meinen Augen fördert es nicht die Eigenständigkeit eines Babys, wenn es ein eigenes Bettchen und ein eigenes Wägelchen und ein eigenes Zimmerchen hat. Das ist effektiv einfach nur ein Alleinelassen, und für ein Wesen, das es neun Monate gewohnt war, ständig von Wärme und Liebe und Nahrung umgeben zu sein, halte ich das bestenfalls für unsinnig. Ich bin dafür, dass man ein Baby erst Stückchen für Stückchen selbständig werden lässt und ihm dann Stückchen für Stückchen entsprechende eigene Dinge gibt.
(Man kann sich da jetzt übrigens an zwei Punkten mit mir streiten: dass die Eigenständigkeit eines Babys wichtig ist und dass sie durch ein Tragetuch besser gefördert wird als durch einen Kinderwagen. Ersteres ist mir sehr wichtig, fertig aus, und gegen letzteres ist mir noch kein auch nur annähernd überzeugendes Argument über den Weg gelaufen.)
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