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Erleuchtung durch Lungenentzündung
Ich war kurz vor Weihnachten krank, Spuckeritis. Nicht sooo schlimm, zwei Tage. Sonst bin ich quasi nie krank, aber gut. Mitte Januar das Gleiche nochmal, wesentlich heftiger. Es ist mir vorher noch absolut gar nie passiert, dass ich nicht mal Wasser bei mir behalten konnte. (Spuckt sich aber wenigstens verhältnismäßig angenehm.) Nach zwei Tagen schon wieder aufgestanden, dafür hat's mich am Tag drauf gleich nochmal hingelegt.
Da war mir dann schon klar, dass ich nicht ein halbes Jahr auf der Baustelle pausenlos ranklotzen kann und dann erwarten, dass ich immer noch topfit bin. Anders gesagt, dieses zweite, deutliche Warnzeichen kam an, aber mir war kein bisschen bewusst, wie fix und fertig ich schon war.
Ich bin seit Laras Geburt schon ziemlich schlank, das hat sich nach Pele nicht geändert. Nach den vier Tagen ohne Essen im Januar, in denen ich aber trotzdem weiter gestillt habe, fehlten mir etwa drei weitere Kilo, und das unterschritt eine körperliche Grenze, die ich bis dato nie kennengelernt hatte. Kurz gesagt kann ich es niemandem empfehlen, ohne wenigstens eine kleine polsternde Speckschicht rumzulaufen: man hält wirklich gar nichts mehr aus. In keiner Hinsicht.
Jedenfalls, ich hab dann zwar langsamer getan, aber bei weitem nicht langsam genug. Ende Januar fing sich Pele einen Husten mit etwas Fieber ein. Nicht weiter schlimm, wie mir auch der Kinderarzt bestätigte, zu dem ich sie am zweiten Tag geschleppt habe; also machte ich mir keine großen Sorgen, als ich dann am dritten Tag ebenfalls hustete und nachts auch Fieber bekam (das war Mittwoch). Am Donnerstag brachte ich Lara trotzdem in den Kindi und Pele in die Kita, weil ich das starke Bedürfnis nach ein oder zwei Stunden Pause hatte. Mit der Kita war's schwierig, weil wir noch mitten in der Eingewöhnung steckten und die durch Peles Krankheit natürlich unterbrochen worden war. Nun, ich bekam etwas Pause, die Kids waren fit, nachts hatte ich wieder Fieber.
Am Freitag morgen war ich um sechs wach, weil ich mit Lara und Pele um sieben etwa schlafen gegangen war. Ich fühlte mich viel besser und ging – immer noch meine sonst übliche, sehr stabile Konstitution voraussetzend – davon aus, dass sich der Rest im Lauf des Tages auswachsen würde. Brachte also Lara in den Kindi und Pele in die Kita, ging in die Hegel und versuchte, dort das Internet zum Laufen zu bringen. Nach einer Stunde rief mich der Kindi an, Lara sei ganz schlapp und gerade eingeschlafen, die wirke krank. Bitte abholen. Ich war noch nicht fertig mit der Überlegung, wie ich das am besten bzw. schnellsten machen sollte (habe kein Auto und sie ist ziemlich schwer zu tragen), da rief die Kita an. Pele sei am Schreien und nicht mehr zu beruhigen. Bitte abholen. Und natürlich ist die Kita am anderen Ende der Stadt... Während ich noch ratlos dasaß und nicht wusste, wohin zuerst wie fahren, rief meine liebe Mamsi an und sagte, "Tochterherz, ich hab heute frei. Kann ich Dir was helfen?" Ja, es gibt Engel auf dieser Welt. Jedenfalls schickte ich sie nach Hagelloch, Lara mit Auto holen, und machte mich auf die Socken in die Payerstraße, wo Casa KiTaNa vorübergehend einquartiert war.
Dort angekommen, fand ich mein Kind friedlich schlafend vor – genau wie Lara war die einfach nur sehr müde gewesen. Also quatschte ich noch ein bisschen, bis sie aufwachte, und machte uns fertig zum Gehen. Als ich das Tragetuch umband, fing ich an zu zittern. Innerhalb von zwei Minuten wackelten meine sämtlichen Gliedmaßen wie in einem heftigen Sturm, und mir war saukalt. Was macht die Anna da? Klar, Baby einpacken und zum Bus laufen. Keine Ahnung, wie ich noch in die Hegel gekommen bin; aber kaum war ich da, fiel ich ins Bett. Halste meiner armen Mam noch geschwind das andere Kind auf und wusste dann erstmal nichts mehr.
Das Rest vom Tag war wirr, und ich spare euch die Details. Mam brachte beide Kinder bei ihren jeweiligen Großeltern unter, spät abends tauchte S. auf, was mir irgendwannmal nachts auffiel, als ich mich Richtung Klo schleppte. Bis dahin war ich fiebrig und taumelig, hatte hässlichen Husten und bekam sehr schlecht Luft. Den Rest vom Wochenende verbrachte ich, von S. besorgt umsorgt, bei offenem Fenster hechelnd auf dem Sofa in unserem einen fast fertigen Zimmer. Und mir war kein bisschen kalt. Ich bemühte mich, viel zu trinken und genug zu essen, weil ich auf einmal merkte, wie geschwächt ich war. Ansonsten war ich noch stur genug, mit mehreren Leuten dickköpfige Diskussionen gegen Krankenhäuser zu führen. Ich war nämlich in meiner ersten Schwangerschaft das einzige Mal in meinem Leben selbst stationär in einem Krankenhaus (elf Tage), und es war SCHRECKLICH. Einfach nur furchtbar. Seitdem habe ich eine schlechte Meinung über Krankenhäuser, und sowieso bin ich eigentlich zu gesund für sowas.
Im Laufe des Sonntags wurde mir allerdings klar, dass ich schlicht nicht genug essen konnte, um noch länger durchzuhalten. Es war ganz einfach zu anstrengend. Und: ich bekam wirklich kaum noch Luft. Nun hab ich aber durch einen ziemlichen Zufall eine Hausärztin, der ich tatsächlich fast blind vertraue. Dahin also brachte mich S. am Montag morgen – ich hatte vehement darauf bestanden, zu tun, was immer sie mir riet – und die warf keinen halben Blick auf mich, bevor sie uns in die Medizinische Klinik auf dem Schnarrenberg schickte. Angemeldeter Notfall. (Cool, sowas war ich noch nie.)
Dort angekommen, war ich wirklich froh: Die Notärzte waren so... wie soll ich sagen, vertrauenswürdig. So, okay, legen Sie sich hin, wir kümmern uns drum. Zwar mussten sie mich zuerst mal quälen, dreimal Blut abnehmen und dann auch noch arterielles (A-U-AAH!), Infusion anbringen etc., und mich außerdem dreimal von meinen Symptomen erzählen lassen, wo ich doch keine vier Wörter aneinanderfügen konnte vor lauter Kurzatmigkeit. Nun gut, dafür gaben sie mir gleich so ein Sauerstoffrüsselchen, das war dann schon hilfreich. Dann schoben sie mich weg und S. ging, Dinge organisieren.
Zum Röntgen mussten sie mich nochmal quälen, aber nachmittags kam ich dann mit der Diagnose schwere Lungenentzündung auf die Aufnahmestation, hatte stressfreie Wasser-Salz-Versorgung über den Tropf und Sauerstoff über die Nasenrüssel, und auch ein bisschen meine Ruhe. Danach sehnte ich mich mehr als nach sonst irgendetwas. Ich war furchtbar licht- und geräuschempfindlich und fand den ganz normalen Betrieb in der Aufnahmestation beinahe unerträglich. Zu grell, zu laut, zu viel.
Dienstag morgen bekam ich einen Thrombosecheck und außerdem mittags Besuch, das war schön. Und, das war noch viel schöner: nachmittags wurde ich auf die Infektionsstation verlegt. Klingt giftig, war aber spitze: ein Einzelzimmer ganz für mich allein, ein herrlicher Ausblick über halb Tübingen, inklusive Schloss, Altstadt, Tunnel, hübsche Landschaft und alles, und die nettesten Schwestern (und Brüder), die mir je in einem Krankenhaus begegnet sind. Es war wirklich so schön. Stundenlang ließen sie mich einfach in Ruhe, nur beim Schichtwechsel oder zwischendurch mal kam eine vorbei, stellte sich vor, fragte ob ich was bräuchte, und ging wieder. Haaaaach...
Um hier nicht vollends einen Roman draus zu machen: ich blieb vier Tage, in denen ich fast nicht aus dem Bett aufstand. Meine Lieblingsschwester bestellte Essen mit extra Kalorien für mich, und ich verwendete meine ganze Zeit und Energie darauf, mich zu erholen. Machte Atemübungen, aß soviel ich konnte, trank nach Kräften, massierte meinen Infusionsarm, schrubbte mich eine Stunde lang unter der Dusche, sobald ich die Infusionskanüle los war. Und saß stundenlang einfach nur im Bett und tat nichts. Ehrlich, ich hatte super Bücher dabei, ich hab nicht einen Buchstaben gelesen. Ich saß nur da und war so glücklich, so rundum zufrieden mit mir und der Welt, und konnte mir nichts Spannenderes vorstellen als mein eigenes Kopfkino. Wirklich, ich war richtig erleuchtet. So schwach wie noch gar nie in meinem Leben, aber gleichzeitig innendrin so ruhig und gesammelt und strahlend, dass ich mich fühlte wie Buddha persönlich. Es war einfach nur wundervoll.
Am Freitag ließen sich mich also gehen, und seitdem regeneriere ich meine Körperkräfte, so gut ich nur kann. Donnerstag abend setzte ich zum ersten Mal den Fuß vor meine Zimmertür und spazierte ein bisschen durchs Haus. Nach einer halben Stunde fingen meine Wadenmuskeln an zu zittern und diverse andere Muskeln auch, und ich musste schleunigst zurück zu meinem Bett und ein paar Stunden wieder nichts tun. Seit diesem Freitag also esse ich fast rund um die Uhr, nehme ein paar Spurenelemente, zu denen mir meine Ärztin geraten hat, und versuche ansonsten, einfach nur diesen fließenden Zustand totaler Erleuchtung aufrechtzuerhalten. Nach ein paar Tage stellte ich nämlich erstaunt fest, dass der sich im Alltag tatsächlich relativ leicht verliert und eine gewisse Menge Arbeit erfordert, um gehalten werden zu können. Das ist aber okay :-)
Nun, das ist mal ein ganz schöner Aufsatz nach so langer Zeit, und es ist Zeit fürs Bettchen. Ich habe aber noch viel zu berichten von der Erleuchtung und anderen Dingen, und diesmal wird es sicher nicht Monate dauern, bis ich das nächste Mal Zeit habe, etwas davon hier aufzuschreiben. Gute Nacht euch allen.
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