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Freakshow
Durch Zufall habe ich vor zwei Tagen auf der Suche nach diversen Tübinger Internetseiten entdeckt, dass heute die Christopher Street Day-Parade in Stuttgart stattfinden sollte. Feine Sache, dachte ich, da wolltest du doch schon immer mal hin – und bei dem Motto "Bist du auch normal?" fühle ich mich natürlich irgendwie angesprochen. Ihn hat's nicht interessiert, also bin ich mit Lara allein nach Stuttgart gefahren.
Nun bin ich natürlich quasi vollkommen szenefremd – ich war halt einfach mal neugierig. Keine Ahnung was ich erwartet hatte. Eine lockere halbe Stunde vor Abmarsch um vier stand ich dann, mit schlafendem Kind im Buggy, am Ausgangspunkt in der Schreiberstraße. Und lief einfach mal die ganze Kolonne von hinten bis nach vorn durch. Unterwegs erreichten mich Gerüchte einer Elterngruppe, die irgendwo sein müsste, und ganz vorne hieß es dann, die sei gleich hinter dem Wagen von den Grünen. ich also zurückgetrapst und Gruppe auch gefunden – nur war das dummerweise der Verband von Eltern, Angehörigen und Freunden Homosexueller (oder so ähnlich). Sprich, nicht ein Kind dabei. Na was soll's dachte ich, bis dahin hatte ich genug davon, mich mit dem Buggy überall durchdrücken zu müssen, und mein Plan enthielt nur sehr vage noch einen Besuch beim Crêpestand am Hauptbahnhof.
Kurz und gut, ich hatte bis dahin schon eine Menge abgefahrener Leute gesehen und kunstvollste Kostüme bewundert (wie schonmal erwähnt liegt mir sowas ja überhaupt nicht), und einfach irgendwo am Straßenrand rumstehen ist ja auch langweilig. Als sich also um mich rum der Zug schließlich in Bewegung setzte, da lief ich einfach mal mit, ein vereinzelter "ganz normaler" Mensch zwischen lauter schrillen, schrägen, bunten Vögeln. (Und Guggenmusikern. Und regenbogenfarbene-Staubwedel-schwingenden Hausfrauen.) Nein wirklich: ich sah halt aus wie immer und fühlte mich sowas von alltäglich, eben "normal", inmitten all dieser Farben und Federn und Masken und was nicht noch allem. (Ach ja, nackte Haut natürlich. Wie konnte ich das vergessen??) Dabei war ich die einzige Barfüßige, und im Zug auch die einzige mit Kleinkind. Schon seltsam, Normalität. Und Klischees, die stimmen, auch.
So sind wir also die volle Strecke bis zum Schlossplatz mitgelaufen – die Musik war zwar laut, aber doch nicht zu laut, zwischendurch gab's mal leichtes Wolkengetröpfel, was ich aber eher angenehm als störend fand, und Lara hat Süßigkeiten geschenkt bekommen (und gefuttert, wuah), dass es für das nächste Jahr komplett reicht. Die saß also die meiste Zeit über zufrieden Zuckerzeug lutschend in ihrem Gefährt, wurde angelächelt und fotografiert (ich warte nur drauf, dass wir in irgendeinem Artikel auftauchen und aufgrund der Elterngruppe vor uns jemand spekuliert, ob die Kleine nun lesbisch sei oder was – hey, der Witz lag nahe genug, dass ihn schon jemand gemacht hat!), und ich bestaunte nach all den bunten Zugvögeln nun ausgiebig die teilweise fast ebenso bunte Zuschauermenge. Hinter uns waren die Guggenmusiker und die Gruppe vom Kings Club, vorne draus zwei königliche Gestalten auf einem Chopper (? sowas Zurückgelehntes), die offenbar einen hohen Bekanntheitsgrad hatten, denn überall wurden sie jubelnd begrüßt.
Jedenfalls, es gab viel zu gucken, und ich war die ganze Zeit sicher, mindestens ein bekanntes Gesicht (wenn nicht wesentlich mehr) entdecken zu müssen. Schließlich ist die Welt sonst auch so winzig. Aber es war tatsächlich nur ein einziger Bekannter dabei, und dann auch gleich noch ein Kollege von mir, der zum Fotografieren da war. %-) Ja... und gleich hinter der Biegung beim C&A leuchtete mich ein Gesicht aus der Menge an. Jetzt hab ich sie schon wieder vergessen... aber sie war sehr hübsch und hatte Sommersprossen, und sie sah mich an, und für einen Moment war da was. Und ich ging weiter, mit dem Rest, weil ich bei sowas bescheuert schüchtern bin und nicht sagen mag, "hey, Du leuchtest mich so an, lauf doch ein Stück mit". Nun bleibt mir nur das Gefühl, in diesem besonderen Augen-Blick eine Gelegenheit verpasst zu haben, und nie zu erfahren, was es für eine war.
Sonstige Überbleibsel: mindestens fünf klebrige Lift-Gummizeugpäckchen, die ich Lara entwenden konnte und die auch schon in den Müll gewandert sind, ein Mamma-Mia-Seifenblasenröhrchen, und ein regenbogenfarbener Staubwedel.
Nachtrag: coole Fotos von der Parade gibt's auf www.rosa-wolken.de.
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