Archiv
funktionierender Konsens und hilfreiche Moderation
Ich komme gerade aus einem Plenum. Einem Hausplenum mit ziemlich vielen Leuten. Bei uns im Haus gilt das Konsensprinzip. Wer schonmal ein durchschnittliches größeres Gremium bei der Konsensfindung erlebt hat, kann vermuten, dass ich jetzt gerade koche. Ich spar mir aber den rant und mach mir stattdessen lieber schriftlich Gedanken über wichtige Dinge.
Zum Beispiel die Frage, unter welchen Umständen Konsens überhaupt funktioniert (und damit implizit, unter welchen er nicht funktioniert). Dazu gehört, meiner Ansicht nach ganz vorne, dass absolut ALLE genau das tun, was ich gerade tue, und sich vor jeder Äußerung in einem Plenum sehr gut überlegen, was von dem, was ihnen auf der Zunge liegt, für die Konsensfindung (!) wirklich wichtig ist. Und wieviel davon persönlicher Schmodder ist, der nur ablenkt. Bei den meisten Leuten, die ich da schon beobachten konnte (ja, mich selber eingeschlossen), dürfte die Standardquote bei 50 % liegen – je nach Thema geht das locker auf 90 % hoch.
Tangente dazu: Emotionen gehören in eine Befindlichkeitsrunde. Punkt. Wenn mich etwas so sehr zwickt, dass ich mir gar nicht auf die Zunge beißen kann, dann sollte ich mir Auszeit nehmen und mich gründlich mit mir selbst auseinandersetzen, warum ich da nicht cool bleiben kann. NICHTS ist so wichtig für das Plenum, dass es sofort raus muss!
Womit wir zu einem weiteren wichtigen Punkt kommen, den ich oft von einem hier aus dem Haus höre: Man muss die Person von der Funktion unterscheiden können (ich schreibe absichtlich nicht trennen). Ich kann jemanden persönlich sehr mögen und gleichzeitig für eine völlig inkompetente [ Moderatorin | Mietverwalterin | Geschäftsführerin | Badputzerin | Organisatorin | ... ] halten. Das eine ist das eine und das andere ist das andere.
Was die gemeinschaftliche Konsensfindung meiner Ansicht nach auch sehr erleichtert, ist die Klärung der Selbstverständlichkeiten in dieser Gemeinschaft. Das fällt mir so oft auf in letzter Zeit, dass es sehr wenig gibt, was ich zwischen mir und einem mir fremden Menschen, den ich irgendwo kennenlerne, für selbstverständlich annehmen darf – im Vergleich mit Menschen, deren Kultur viel stärker auf konkreter Gemein-schaft aufbaut als unsere. Unsere Interessen können unendlich weit differieren, unser gemeinsames Wissen ebenfalls. Unser spiritueller Hintergrund ist höchstwahrscheinlich grundverschieden, unsere Ansichten über Gemeinschaft, Freundschaft, zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen vermutlich auch. Was ist das für eine Basis, um sich über wichtige Themen zum Beispiel des täglichen Zusammenlebens (jetzt in unserem Fall) zu einigen?
Ich bin auch sicher, dass man nicht mit jedem beliebigen Weltbild überhaupt konsensfähig ist. Sprich einige Ansichten müssen zwangsläufig selbstverständlich sein, wenn Konsens funktionieren soll, und es scheint doch vorzukommen, dass das nicht überall der Fall ist. Zum gefühlt zweihundertfünfzigsten Mal: die Grundlagen amicativer Lebensführung wären da eine exzellente Diskussionsgrundlage. Und wertschätzende Kommunikation könnte auch helfen.
Auch noch, weil mich das vorhin extrem genervt hat: Es ist ebenfalls oft hilfreich, in einem Plenum mit vielen Leuten, heißen Themen und/oder Leuten mit wenig Erfahrung und Übung in obengenannten Punkten jemanden zur Moderatorin zu bestimmen. Die sollte dann dafür sorgen, dass ebenjene Punkte durchgehend beachtet werden und man zügig zu einem protokollierbaren Entschluss kommt. Ein Plenum ist keine gemütliche Zusammenkunft bei einem Bierchen! Und ich kenne niemanden, der oder die nicht schon mindestens einmal frustriert feststellen musste, dass Plena und Sitzungen und Entscheidungsfindung allein aufgrund von Ineffektivität viel zu viel kostbare Lebenszeit fressen.
Kommentar schreiben
HTML funktioniert hier nicht. Über kluge Beiträge freue ich mich.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Ist nur für mich, falls ich mal unter vier Augen zurückschreiben möchte. Es gibt außerdem dank nervender Spammer eine Blacklist mit einer Menge hauptsächlich englischer Wörter, die allerdings kaum in einem "normalen" Kommentartext Verwendung finden dürften. Einträge, die eines dieser Wörter enthalten, verschwinden einfach im Datennirvana.