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pädagogisch versagt
Neulich fiel mir eine Ausgabe der Zeitschrift "Natürlich leben" (Tologo-Verlag) in die Hände, worin mir ein Artikel besonders gut gefallen hat: "Freie Eltern – freie Kinder". Da ist an einer Stelle von Flohdressur die Rede:
"Wenn man Flöhe trainieren – konditionieren – will, steckt man sie in ein leeres Marmeladenglas und verschließt den Deckel. Die Flöhe springen ihrer Natur gemäß nach oben und knallen mit dem Kopf an den Deckel. Sehr bald merken sie, dass es nicht weiter geht. Jetzt kann man den Deckel vom Glas nehmen – die Flöhe wissen nun, dort ist das 'Ende der Welt'. Keiner von ihnen wird auf die Idee kommen, höher zu springen. Es wird Generationen brauchen, bis ein mutiger Floh sich selbst die Erlaubnis gibt, so hoch zu springen wie sein Herz es ihm sagt. ..."
Dazu fällt mir eine Lehrerin aus meiner Grundschulzeit ein, die ich glücklicherweise nur in HuS (Heimat- und Sachunterricht) hatte: Frau G. Die war so ein Deckel, wirklich wahr. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand sie gemocht hätte (anders als zum Beispiel meine beiden Klassenlehrerinnen). Zwei Ereignisse mit ihr sind mir bis heute deutlich im Gedächtnis geblieben...
Das eine war, als ich ein selbstgebasteltes Weihnachtsgeschenk verpackt hatte und mit einem hellroten Wachsmalstift (oh ja, Details!) draufgeschrieben "für ... (weiß ich nicht mehr) zu Weinachten". Sic. Frau G. bemerkte das fehlende h, sagte (ungefähr) "He, das ist falsch geschrieben, Weihnachten schreibt man doch mit h! (du Dussel) Mit welchem Stift hattest du das geschrieben? (nimmt einen rumliegenden hellroten Buntstift und malt ein h hin) So, jetzt stimmt es. Bitte schön." Deng, mein Kopf knallt an den Deckel. Dummes Kind. Und mein liebevoll verpacktes Weihnachtsgeschenk mochte ich gar nicht mehr verschenken.
Die zweite Episode finde ich aber noch schlimmer: da war ich nur Beobachterin. Der Floh war Bilal, der nicht gut deutsch konnte und ein klassischer Außenseiter war. Wir sollten einen Baum malen, und Bilal malte einen sehr kringeligen. Frau G. sah das Bild, lachte kurz und trocken auf und machte sich drüber lustig: "Was soll denn das für ein Baum sein? Das gibt's doch nicht, so kringelige Bäume." Auf dem Nachhauseweg lief ich wie immer an einer Korkenzieherweide vorbei, die mir an diesem Tag zum ersten Mal so richtig auffiel. Sie hatte unrecht, verdammt noch mal, Bilals Bild war ganz genau so wie dieser Baum, sie hatte sich völlig zu unrecht über ihn lustig gemacht.
Mal ganz abgesehen davon, dass so ein Verhalten grundsätzlich unmöglich ist: für eine Heimat- und Sachkundelehrerin hatte sie von letzterer reichlich wenig. Aber Bilal hat natürlich nichts gesagt, weil er schlecht deutsch konnte und sich nicht getraut hat, und ich hab natürlich auch nichts gesagt, weil ich mich auch nicht getraut hab. Und so schleppe ich diese zwanzig Jahre alte Ungerechtigkeit immer noch ein bisschen mit mir herum.
Fazit: pädagogisch auf ganzer Linie versagt, Frau G. Ich hoffe, Sie sind schon viele viele Jahre pensioniert.
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