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Relation: Beziehung braucht Bezug

Das gibt's ja auch höchst selten: zwei Beiträge am selben Tag (und mir fiele sogar noch ein dritter ein). Aber bei meinen Gedankengängen zu den Wuschels und den Kindern in einer Gemeinschaft zeigte mir mein Kopf doch gleich Parallelen bzw. Überschneidungen in einem Thema auf, was mich aus anderer Richtung, nämlich Polyamory, sowieso in letzter Zeit schon beschäftigt hat: nämlich die Notwendigkeit von Relation (= Bezug) in Beziehungen.

In einer "normalen" Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kind, sind alle drei für die jeweils anderen beiden in gewisser Hinsicht absolute Größen. Das Kind hat nur eine Mutter, sie ist als solche absolut. Genauso hat das Kind nur einen Vater, und wenn es zum Beispiel nur noch eine Schwester hat (so wie ich), dann ist auch diese als Schwester eine Absolutheit für das Kind. Damit meine ich, dass ich keinen Teil meiner Familie (Mam, Dad, Sis) in Relation zu jemandem anders setzen kann. Klar lernt man irgendwann anderer Kinder Mütter kennen, aber nie auf demselben Level. Oder andere Kinder, aber die sind seltenst wie Geschwister. Das führt dazu, dass Kinder die Macken ihrer Eltern (egal ob bloße Schrullen oder echt fiese Charakterzüge) als selbstverständlich hinnehmen – warum sollten sie sie hinterfragen? "Wahrscheinlich sind alle Mütter/Väter/Schwestern(/Onkel/Tanten oder was man noch so im Singular hat) zu ihren Kindern/Geschwistern(/Nichten etc.) so."

Daher ist es auch überhaupt nicht verwunderlich, dass man oft ohne es zu wollen "so wird wie die Eltern". ("Du bist genau wie Deine Mutter!") Wie denn auch sonst? Es sind ja keine anderen Bezugspersonen da: als Kind kann ich meine Eltern in keinerlei Relation setzen. Klar, heute, als Erwachsene, ist das 'ne andere Geschichte, aber ich bin auch schon geschlagene sechsundzwanzig Jahre alt... und ja, ich bin in vieler Hinsicht sehr wie meine Mutter, und nicht nur positiv. (Klassisches Beispiel: ich bin (oder war, hmmm ;->) sexuell eher verklemmt, obwohl das noch nie in mein Weltbild gepasst hätte – aber so hatte ich's gelernt, sprich als Kind mitbekommen.)

Dadurch lastet natürlich auch ein unheimlicher Druck auf mir als Mutter eines Kindes: alle meine Macken, alle meine Schwachstellen bekommt meine Tochter fast ungefiltert mit. Und ich bin auch nur ein Mensch und kriege vieles jahrelang nicht auf die Reihe, da brauche ich mir gar nichts vormachen. Was wäre nun, wenn da noch eine oder zwei andere Frauen wären, mit ihren Kindern, und wir zusammen Haus, Hof und Kinder teilen würden? Ich glaube, allen Kindern wäre es dadurch möglich, ihre Mutter in Relation zu anderen Frauen zu setzen – und ich glaube, das wäre eine wirklich gute Sache.

Ah, ah, aber da ist sie wieder: die kleine Stimme, die sagt "Aber das ist mein Kind!". Meins. Meins. Meins. Womit wir bei der Polyamory-Thematik wären: mein Freund, meine Freundin, mein Mann, meine Frau. Gehört mir. Dazu fallen mir doch speziell ein Artikel von matriarchat.info sowie einer von suppressedhistories.net ein: Der Zusammenhang zwischen Privatbesitz, Herrschaft und Eifersucht und Kulturen, in denen Kinder auch die Schwestern ihrer Mutter "Mutter" nennen (zweiter Absatz, englisch). Und auch Kahlil Gibrans "Deine Kinder sind nicht Deine Kinder, sie sind Töchter und Söhne der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst." (ganzes Gedicht)

Und im Prinzip gilt das auch für die klassische Mono-Liebesbeziehung: es ist niemand da, der die Partnerin oder den Partner relativieren kann. Sie oder er wird zur absoluten Größe. So ein bisschen erinnert mich das an Monokulturen in der Landwirtschaft, die nur durch massives menschliches Eingreifen überhaupt existieren können (funktionieren scheint mir fast ein bisschen zuviel gesagt). Auch hier fehlt ganz einfach der Ausgleich (was nicht dasselbe wie Relation ist, aber ich finde, der Vergleich kommt trotzdem hin). Jetzt will ich nicht sagen, dass man unbedingt mehrere Liebesbeziehungen haben muss, um einen Ausgleich zu haben, und auch mit nur einer Mutter und einem oder sogar keinem Vater wachsen doch einige Leute zu ganz ordentlichen Menschen heran, oder vielmehr: verlieren sie nicht allzu viel von ihrer angeborenen Menschlichkeit. Aber da ist doch so eine Tendenz, und ich bin auf jeden Fall der Überzeugung, dass ein bisschen mehr Relation in unseren prägendsten Beziehungen eine sehr gute Idee (und Herausforderung) ist.

Kinder | Zwischenmenschliches          Kommentare (5)          26. Juli 2006

5 Kommentare zum Beitrag

1. Der Zyniker schrieb am 31. Juli 2006:

"Beziehung braucht" Bezug... Uhhh, wie weise und altklug.
Oder wars eher Allgemeinplatz?
Wayne interessiert das schon in einer Welt, in der promiskuitive Menschen ohne Verantwortungsbewusstsein
oder gar vorrausschauende Denkweise einfach einen Begriff erfinden, der gut klingt, um ihr moralisch verwerfliches Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen.
Da wird der unentschiedene und eh im Grunde prmiskuitiv veranlagte Fremdgeher beschönigend eben als Polyamorist bezeichnet.
Seis drum.
Exkremente kann man nicht essen, auch wenn man sie in Frischhaltefolie einpacken kann.
Der Mensch ist Gewohntheitstier.
Manche brüllen, wenn sie gestresst sind, manche rauchen oder trinken.
Andere haben Sex mit fast jedem, der ihnen über den Weg läuft.
Der Raucher und der Säufer würden niemals auf die Idee kommen, ihr "Hobby" als sinnvoll, oder gar positiv zu betrachen.
Der "Polyamorist", der sich emotional nicht für eine Sache entscheiden kann, und damit Menschen direkt oder indirekt weh tut, der kann sagen:
"Schaut mich an! Ich bin der befreite Mensch! Ich betreibe zwar Schindluder mit den Gefühlen anderer, aber es ist mir egal. Ich möchte das Gefühl nicht mehr missen, mit 2 oder noch mehr Partnern herumzumachen. Dadurch bin ich zwar auch nicht glücklicher, als ein Normalo, aber hey, ich bin ja so trendy, aufgeschlossen und modern."

Wer versucht, aus der Dualität des menschlichen Wesens und seines Aufbaus falsche Schlüsse zieht, der wird an ihr scheitern.

MFG

2. Anna schrieb am 31. Juli 2006:

Hmmmm. Für einen Zyniker fehlt Dir deutlich die Coolness, finde ich. Davon abgesehen suche ich in Deinem Kommentar vergeblich nach logischen Schlussfolgerungen sowie direktem Bezug auf das, was ich geschrieben hatte. Klingt mir nach allgemeinem Dampfablassen und ist für mich daher eher uninteressant.

Ich weiß nicht, wer Du bist, aber ich vermute, dass Du nicht einfach zufällig aus den Weiten des Internet hier angespült wurdest. Oder anders formuliert, ich nehme an, dass wir uns mehr oder weniger kennen. In diesem Fall fände ich es ein bisschen schade, wenn ein Kommentar nur mit MFG unterschrieben wird. Ich meine, ich finde andere Menschen gerade deshalb interessant, weil sie eben anders sind, und schätze jeden Austausch, sofern er Persönlichkeit und Respekt enthält (Die Persönlichkeit geht hier etwas flöten).

Hmm, vielleicht irre ich mich hier auch. Ich freu mich, wenn Du Dich mal offenbarst. :-)

3. WhiteHaven schrieb am 19. März 2007:

Hab heute einen interessanten Artikel über Polyamorie in der "Sonntag Aktuell" Ausgabe meiner lokalen Tageszeitung gelesen. Der Titel: Ich, du und du" und bin jetzt bei meinen Recherchen hier gelandet...Ich finde deinen Artikel gut! Mehr Relation in Beziehungen, das ist für Besitz-fixierte Menschen natürlich etwas schreckliches...!
Sowie im Monotheismus immer ein Stück Faschismus mit drin steckt...sprich: Wenn du an den Einzigen/die Einzige nicht glaubst, oder den Einzigen/die Einzige betrügst, dann fährst du in die Hölle bzw. ins KZ, so steckt im Polytheismus immer auch ein Stück Demokratie mit drin. Mit den Beziehungen ist es ähnlich. Poly - Amorie zieh ich deshalb der Mono - Amorie vor. Aber soll doch jeder auf seine Art happy werden...
liebe Grüße
WhiteHaven

4. Anna schrieb am 19. März 2007:

"soll doch jeder auf seine Art happy werden" - oh absolutely. Und jede auch. Wenn's nur auch wenigstens die meisten Leute so einfach fänden, andere so sein zu lassen, wie sie sind oder sein könnten, wenn man sie ließe...

5. Seissemiplisk schrieb am 31. Dezember 2008:

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