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Rumpelstilzchen
Gestern beim Wäscheaufhängen fiel mein Blick auf eines der vielen Bücher, die meine Tochter gerade so gerne auf dem Boden verteilt (sie liebt Bücher). Es war eines von meinen alten Märchenbüchern, aufgeschlagen bei Rumpelstilzchen, und aufgeschlagene Bücher habe ich meist schon halb gelesen, bevor mir auffällt, dass ich doch eigentlich was ganz Anderes tun wollte. Jedenfalls fand ich so beim Nochmal-Lesen das Märchen eigentlich völlig – anti, könnte man sagen. Ich meine, was zeigt denn das für ein Menschenbild, speziell von Männern und Frauen? Der Müller erzählt Lügengeschichten über seine Tochter, sie könne Gold aus Stroh spinnen, der König hört's, sperrt sie ein und sagt, spinn Gold für mich, wenn dir dein Leben lieb ist, und die Müllerstochter ist wunderschön und hat aber nicht den Schneid, auch nur einem von beiden mal klar zu sagen, was Sache ist. Dann läßt sie sich von einem ominösen Männchen in die Zwangslage bringen, ihr erstes Kind zu verpfänden, heiratet auch noch diesen bullying – wie sagt man auf deutsch? Leo sagt Tyrann oder sowas – also diesen leichtgläubigen Schikanekönig, und hat dann halt zum Schluss noch etwas Glück, so dass sie ihr Kind doch nicht hergeben muss. Da stellt sich mir doch die Frage: will ich sowas meinen Kindern vermitteln? Nein, das will ich definitiv nicht! Es gibt so viel schönere, lustigere, liebevollere Märchen, da muss sowas nicht sein.
Ich hab das schon öfter gedacht, dass viele traditionelle Märchen, gerade Grimmsche oder Andersensche, eigentlich zu viel Grausamkeit und oft auch schwache Frauenbilder vermitteln. Meine Bedenken sind nur: wenn ich solche Märchen, die nunmal zu unserem Kulturgut gehören, komplett ausklammere, mache ich meine Kinder damit nicht zu Außenseitern? Sie werden oft nicht mitreden können. Und sie werden zum Beispiel manche Pratchett-Witze oder andere Anspielungen nicht verstehen können. Das ist ja auch doof. Ich glaube, ich werde ihnen viele schöne, positive Märchen und Geschichten vorlesen und ans Herz legen, und aber auch all die "Standards" mit ihnen lesen. Und ich werde sie fragen, was sie an Stelle der Müllerstochter getan hätten, oder was sie überhaupt von dem Märchen halten. Sie zum Selberdenken anregen. Wenn sie das können, kann nicht viel schiefgehen.
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