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Trotzdem Freunde
Gestern bin ich über den Thread "High Fives with the Enemy?" im Extreme Honesty Tribe gestolpert, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Ich überlege seitdem, ob ich eine Antwort dazu schreiben soll, aber ich werde es lassen... Ich habe das Gefühl, es ist viel wichtiger, mir über mich selbst in dieser Hinsicht klar zu werden, als irgendwelches Geblubber abzusondern. (Dafür ist das schon mein vierter Blog-Eintrag diesen Monat – hmmm.)
Um es kurz zusammenzufassen, schon allein für die, die keine Lust haben, soviel und dann auch noch auf englisch zu lesen, Rachael stellt hier die Frage, inwiefern man mit jemandem total gegensätzlicher Meinung, aber trotzdem befreundet sein kann. Ich halte das für eine schwierige und wichtige Frage. Spontan würde ich sagen, die Auswahl wäre sehr sehr klein, wenn man nur mit Leuten befreundet sein könnte, die zum allergrößten Teil die eigene Meinung teilen. Außerdem prüft man das Weltbild der anderen ja nicht schon beim Kennenlernen auf Herz und Nieren. Sprich, die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann mal eine mehr oder weniger krasse Meinungsverschiedenheit mit jemandem, den man sehr gerne hat, entdeckt, ist relativ hoch.
Wie geht man damit um? Wie gehe ich damit um? Seit ich angefangen habe, darüber nachzudenken, fallen mir nur sehr wenige Situationen ein, wo ich konkret vor dieser Frage stand. (Das liegt zum einen, glaube ich, an meinem eher kleinen engeren Freundeskreis, zum anderen daran, dass ich mit diesen Leuten selten über kontroverse Themen diskutiere... darüber denke ich im Anschluss noch nach.) Ich erinnere mich aber deutlich an ein Gespräch mit einer damaligen Kollegin – die ich noch heute sehr schätze und gern habe – über Leute, die Kinder misshandeln (gibt's ein kontroverseres Thema?). Ich war zu der Zeit etwa im dritten oder vierten Monat schwanger, auf emotionaler Achterbahnfahrt, und wir waren vollkommen verschiedener Meinung. Und so im Rückblick wünsche ich mir, ich hätte ihr bei all unseren verschiedenen Ansichten deutlich gesagt, dass ich ihren Standpunkt verstehen, vor allem aber akzeptieren kann, und dass ich sie deswegen nicht weniger wertschätze. Dass ich sie so wie sie ist und denkt und fühlt respektiere. Man könnte sagen, dass das eigentlich selbstverständlich ist, aber ich glaube, es ist wichtig, das gelegentlich auch auszusprechen. Es geht, kurz gesagt, um die amicativen Grundsätze der Gleichwertigkeit, Subjektivität und Achtung vor der inneren Welt (Nummer 5, 6 und 9) – die sind für mich in einer Auseinandersetzung sehr wichtig.
Wiederum ist das aber natürlich auf allen beteiligten Seiten eine wichtige, wenn nicht sogar unabdingbare Voraussetzung für einen positiven Umgang mit Streitsituationen. Ich glaube – und würde es gerne einmal bestätigt sehen –, ich könnte auch mit einem Menschen eng befreundet sein, der oder die in mehreren entscheidenden Punkten (vermutlich nicht in allen) seines oder ihres Weltbildes konträr anderer Ansicht ist als ich, solange dieser Mensch mein Weltbild als gleichwertig achtet und um einen interessierten, respektvollen Austausch bemüht ist, denn zwei statische Weltbilder nebeneinander würden eine enge Freundschaft auch nicht wirklich zulassen, denke ich. Was ich aber am allerliebsten herausfinden möchte: ob ich selber zu dieser kontinuierlichen Auseinandersetzung fähig wäre. Sonst kann ich ja nicht groß tönen hier. :-)
(Und nur um nochmal eindeutig zu sein: mir geht es gerade um enge Freundschaften. Bei Leuten, die nicht zu einer konstruktiven, respektvollen Auseinandersetzung, wie ich sie mir wünsche, fähig sind, vermeide ich schwierige Themen ganz einfach, oder in Extremfällen auch gleich die Leute, und bleibe auf einem Bekanntschaftslevel. Das gibt es öfters und wird es immer geben, das ist auch okay.)
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