Texte, Lieder und Gedichte
Des Schicksals Lieblinge
Betrachte die Welt aus den Augen einer Göttin: Du selbst bist schön und unbeschwert von weltlichen Dingen, und die Menschen, die zumeist mit ihrem sterblichen Leben hadern, dauern Dich. So suchst Du Dir drei von ihnen und machst ihnen Geschenke, jedem ein großes und ein kleines.
Der erste bemerkt Dein kleines Geschenk kaum, weil sein Blick zu sehr auf seine Sorgen und Nöte gerichtet ist. Dein zweites Geschenk machst Du so groß und schön, daß er es sieht, doch er freut sich nicht, sondern fürchtet, daß dies das Maximum an Glück war, das ihm in seinem kleinen Leben je zustand.
Der zweite ist mißtrauisch gegenüber Deinem kleinen Geschenk und zögert lange, bevor er es annimmt und glauben mag, daß ihm Gutes widerfährt. Am Abend erzählt er einem Freund davon sowie von zehn Unglücken und Mißgeschicken, die ihm den Tag über ebenfalls begegnet sind. Da gibst Du Dir mit Deinem großen Geschenk viel Mühe. Du schenkst es ihm gleich am frühen Morgen und achtest sehr darauf, daß ihm den Tag nichts Schlimmes geschieht, nicht einmal soviel wie ein mürrisches Gesicht auf dem Weg zur Arbeit. Am Abend schließlich erkennt er, daß sein ganzer Tag wunderbar war und ohne den kleinsten Grund zu klagen – und er jammert laut, welch großes Unglück ihn morgen wohl erwarte, daß ihm heute dieser Tag gegönnt sei, und er sinkt auf sein Bett und weint sich in den Schlaf.
Der dritte aber erkennt Dein kleines Geschenk sogleich als solches und freut sich sehr darüber. Er hüpft ein bißchen umher und lächelt den Tag über alle Menschen an, um so sein Glück ein wenig zu teilen. Am nächsten Tag lächelt er immer noch: Du machst ihm Dein großes Geschenk, und seine Freude strahlt heller als die Sonne; er geht im Wald spazieren und singt lauthals ein Lied, für die Bäume, die Vögel, den Sommer, für den Wind, und für Dich.
Nun sage mir, Fortuna: wem würdest Du noch einmal etwas schenken?