Texte, Lieder und Gedichte

Dorothea

Dorothea kommt ins Zimmer, ein Ahornblatt in den Händen, das sie draußen irgendwo aufgelesen hat. Sie dreht und wendet es gedankenverloren und scheint nicht zu bemerken, daß ich sie betrachte.

Sie ist so süß, die Kleine. Acht Jahre alt, ein bißchen pummelig, eine Zahnlücke – wie Kinder eben so sind. Nichts Besonderes, sollte man meinen. Aber wenn ich sie so anschaue, wie sie das Blatt zwischen den Fingern zwirbelt und dabei ein so konzentriertes Gesicht macht, als wäre sie eine Forscherin, die über einem wichtigen Problem grübelt, bleibt meine Miene nicht ganz so unbewegt wie sonst. Ich lächle ganz leicht.

Wenn man erwachsen wird, glaubt man, alles zu wissen oder zumindest das Meiste. Wissen Kinder nicht viel mehr? Dorothea stellt mir oft irgendwelche banalen, kindlich naiven Fragen, und dann gibt sie sich im gleichen Atemzug selbst die unmöglichsten Antworten. Aber wer bin ich, zu sagen, daß ihre Fragen banal oder unwichtig sind? Und ihre Antworten unmöglich... wer weiß, vielleicht stimmen sie ja doch.

Dorothea sieht plötzlich auf, und ihre grüblerische Miene verzieht sich zu einem breiten Kinderlachen. Sie präsentiert stolz das Ergebnis ihrer wissentschaftlichen Studie.

"Guck mal, das Blatt hat Kaka gemacht!"

Sie hält mir triumphierend das Blatt hin, an dessen Unterseite irgendwelche Blattlausexkremente kleben. Ich erkläre ihr, daß das mit Sicherheit nicht von dem Blatt stammt.

"Doch, das is wohl von dem Blatt! Es is wie bei den Menschen!"

Sie sagt das mit Bestimmthiet und sehr nachdrücklich. Ich gebe auf, und muß wieder lächeln. Ihre kindliche Logik ist bestechend.

Sie wirft das so sorgfältig untersuchte Blatt achtlos beiseite.

"Spielen wir Sagaland?"

Knallblaue, bittende, fordernde Augen. Nach einigem Drängeln gebe ich mich geschlagen.

Dorothea verliert bei diesem Spiel immer. Sie schummelt zwar grandios (ich lasse sie ja auch...) und bei absolut jeder Gelegenheit, kann sich aber trotzdem keinen einzigen Baum merken. Zudem sind auch die Spielregeln etwas anders als ursprünglich konzipiert (weil keiner von uns beiden sie richtig weiß), so daß ich gewinne, bevor sie auch nur eine einzige Karte erwischt hat. Das stört sie aber nicht.

"Spielen wir noch 'ne Runde?"

"Nein, Dorothea. Mir ist gerade eine Geschichte eingefallen, die möchte ich zuerst kurz aufschreiben. Nachher vielleicht wieder."

Dorothea findet es schön, daß ich "Geschichten schreibe" (auch wenn sie meint, daß sie "nich lustich genug" sind). Aber nicht, wenn es mich davon abhält, mit ihr Sagaland zu spielen.

"Dann vielleicht Jenga? Bitte spielen wir Jenga! Bitteeee... bittebittebitte bittebittebittebitte – BITTE!"

Sie quengelt, weil ich keine Lust mehr habe und lieber schreiben will (ich liebe zwar Spiele aller Art – außer Schach –, aber nicht, wenn ich trotz Schummeln des Gegners mühelos gewinne), und schließlich stampft sie schmollend zur Tür hinaus.

"Du bist gemein!" ruft sie noch über die Schulter.

Ich schaue ihr grinsend nach. Temperament hat sie ja, die Kleine. Aber dabei hat sie noch so ein gutes Herz, daß sie nie lange ernsthaft beleidigt ist – meistens tut es ihr später leid.

Oft krabbelt sie auf meinen Schoß, ohne erst lang zu fragen, und macht es sich dort völlig selbstverständlich bequem. Üblicherweise folgt dann nach einer halben Minute die unausweichliche Frage: "Hast du mich lieb?" Unausweichlich deshalb, weil niemand sich um eine Antwort drücken könnte. Nicht bei Dorothea. Nicht einmal ich.

"Ja, ich hab dich lieb."

Dann bekomme ich meistens ein Küßchen, sie setzt ihr "Ich-rede-jetzt-irgendwelches-Zeug-Gesicht" (wie ich es immer nenne) auf und sagt, in unendlich belanglosem Tonfall, als wäre es die alltäglichste Sache der Welt: "Ich hab dich auch lieb." Hin und wieder kommt dann noch – in demselben Ton – ein Haufen kindliches Geplapper zum Thema Liebhaben, bei dem ich mir nie sicher bin, ob sie mit mir oder sich selbst oder vielleicht auch einem unsichtbaren Publikum redet. Es ist mir egal.

So ist es auch jetzt, nachdem ich fertig bin mit Aufschreiben; wir sitzen gemeinsam am Küchentisch, Dorothea auf meinem Schoß (natürlich), und daß ich gemein bin, hat sie längst wieder vergessen. Ich muß an den klugen Spruch "nomen est omen" – "Name ist Vorbedeutung" – denken.

Dorothea heißt "von Gott gegeben".

Ein Tag später. Ich komme gerade aus der Stadt zurück, wo ich ein paar Schreibmaschinenbögen gekauft habe. Die neue Geschichte läßt sich gut an.

Ich laufe die Straße zum Haus entlang. Nicht weit vom Haus entfernt, vielleicht zwanzig Meter weiter, steht eine dicke Menschentraube mitten auf der Straße um etwaaas herum, das ich nicht erkennen kann.

Normalerweise bin ich nicht neugierig. Aber jetzt gehe ich hin, langsam, wie magisch angezogen, und drängle mich durch, bis ich schließlich vorne stehe. Das Etwas entpuppt sich als ein Auto. Ein ziemlich dreckiges Auto, etwas verrostet, ich sehe allerdings nichts, was daran kaputt sein könnte. Das Gemurmel um mich herum verstehe ich nicht, ich kann immer noch kaum ein Wort Griechisch, aber mir fällt plötzlich auf, daß niemand flucht oder schimpft – um mich herum ist es seltsam ruhig.

Es ist nichts kaputt. Ich gehe um das Auto herum. Direkt davor, auf der Straße, liegt ein Kind. Ein ganz gewöhnliches Kind, sollte man meinen - ein bißchen pummelig, eine Zahnlücke, knallblaue Augen, wie Kinder eben so sind. Und blutüberströmt, und mit unnatürlich verdrehten Gliedern, und mit starren, weit, weit aufgerissenen Augen, wie Kinder es niemals, niemals sein dürften. Der Ball liegt noch daneben. Ganz.

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