Texte, Lieder und Gedichte

Lange Haare

"Du willst WAS??!?" "Hast schon ganz richtig gehört. Ratzekahl ab. Und jetzt geh ich hoch, rasieren."

Vollkommen entgeistert sah er zu, wie sie leise grinsend die Treppe zum Zimmer ihrer Schwester hochlief – diese hüftlangen blonden Haare, die wie ein Heiligenschein hinter ihr herwehten, sollten nun zum letzten Mal – ? Mit einem leichten Anfall von Übelkeit ging er in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

"Wirklich ganz ab, Schwesterherz? Es ist deine letzte Chance!" "Jops", sagte sie leichthin, und zuckte nicht einmal besonders, wenn die kalte Schere sie berührte oder ihre Schwester sie versehentlich ziepte.

Am anderen Morgen wachte sie eine Stunde früher auf als sonst. Sie strich über ihren Kopf, grinste breit im Dunkeln, sprang dann aus dem Bett und ging ziemlich aufgekratzt in die Küche, um zu frühstücken.

Später im Bad blieb sie (nach dem Duschen, das jetzt viel einfacher und schneller ging als mit den langen Haaren) eine halbe Stunde vor dem Spiegel stehen, betrachtete sich lange, von vorn (Segelohren) und von den Seiten (spitze Nase), von hinten und von oben (stoppelstoppel), grinste wiederum sehr breit und ihre Augen blitzten vor Amusement über sich selbst. Die Suche nach einem passenden Tuch gestaltete sich leicht, sie fand ein großes lilafarbenes, das ihren kahlen Kopf gut bedeckte und noch in zwei Enden auf ihren Rücken herunterhing. Fast wie Zöpfe, dachte sie.

Im Bus war niemand, den sie näher kannte, weswegen ihre Aufmachung lediglich neugierige Blicke erntete. Am Busbahnhof grüßte sie zwei Freundinnen ihrer Schwester mit einem lauten "Guten Morgen!", das mit äußerst verwirrten und unverständlichen Blicken quittiert wurde. Sie ging flott weiter, während sich das Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Überlegenheit, dachte das Innere ihres Kopfes, du bist ihnen überlegen. Weil du dich schon daran gewöhnt hast.

In der Schule begegnete sie als erstes dem Schlagzeuger der Schulband, in der sie Baß spielte, der überrascht war, aber durchaus nicht unangenehm – er war eine äußerst neugierige Natur. "Hey, mach doch mal das Kopftuch runter!" Er streckte die Hand aus. "Untersteh dich! Das bleibt dran." "Och – aber nachher in der Combo, ja?" Sie lachte. "Ciao du, ich muß nach 3.4 hoch."

In den folgenden Stunden wurde sie in jedem Kurs umringt, bestaunt, neugierig und auch mitleidig betrachtet, sie fand viele ungläubige Blicke und manchen Entsetzensschrei, und einmal wurde sie von einem Lehrer sogar komplett übersehen, so daß er ihr Klassenarbeitsheft einer anderen mitgab. Sie hatte viel Spaß. Ihr Tuch nahm sie nicht ab – es war schließlich Januar und definitiv sehr kalt. Früher oder später gaben sie auch alle ihr Drängen auf.

Die Comboprobe wurde zur Jam Session, alle waren in Hochform und sie ließ die Saiten fetzen, daß es beinahe die Box zerriß. Das Tuch blieb auf. Sie sah gern aus wie ein Pirat.

Nach den letzten beiden Stunden packte sie ihre Sachen, zog das Kopftuch noch einmal fest und ging, als ob gar nichts los wäre, Richtung Busbahnhof. Drei Tage später fand man sie in dem kleinen Fluß, der nahe an ihrer Bushaltestelle vorbeifloß, und die langen grünen Algenfäden, die ihren kahlen Kopf bedeckten, paßten gut zu ihrem runden, lächelnden, bläulichen Gesicht.

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