Ohren zum Zuhören

Diese Seite ist was für Leute, die nicht nur deswegen Ohren haben, weil sie sonst komisch aussehen würden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das weniger sind, als ich mir wünschen würde. Auch wenn wir Kommunikation damals im Psychologieunterricht nur kurz angerissen hatten, hat es mich doch dazu angeregt, mal darauf zu achten, wer wann wie gut zuhört – vor allem auch ich selbst! Am auffälligsten sind die Defizite beim Musikhören. Wie viele, viele Leute interessiert es nicht die Bohne, worum es in dem Lied eigentlich geht, solange ihnen die Musik gefällt. Erst recht wenn der Text, wie meistens, nicht in der eigenen Muttersprache verfasst ist, da muss man sich ja auch noch anstrengen, um was zu verstehen. Sogar unter Musikern gibt es eine traurige Menge von Leuten, die die Ansicht vertritt, der Text sei nur dazu da, damit der Sänger was zu trällern habe...

Da muss ich doch ganz klar sagen: wer nichts zu sagen hat, soll lalala singen. Lirum larum. Oder sonstiges Gesilbe. Wer textet, muss sich den Zuhörern stellen! Und die gibt es glücklicherweise dann doch auch. Mich zum Beispiel :-) Es gibt tatsächlich musikalisch gute Bands, deren nichtssagende Texte mich schlicht daran hindern, mir ihre Musik anzuhören. Schade eigentlich. Umgekehrt gibt es natürlich auch intelligente Texter*innen, denen leider das Gefühl für passende Musik (in Extremfällen auch überhaupt das Gefühl für Musik) abgeht...

Sei's drum: hier möchte ich einige Texte, Textstellen und Gedanken zu denselben sammeln, die ich für beachtenswert halte. Wie gesagt, für Leute, die Ohren zum Zuhören haben.

Milow: You and me (in my pocket)

Ich hör eher selten Radio, weil mir die Werbung furchtbar auf den Geist geht und mich die Nachrichten nicht interessieren. Musik beim Autofahren mag ich aber sehr gerne, und in meinem aktuellen Hauptauto gibt’s leider nur ein Kassettendeck. Darum hör ich manchmal eben doch ein bisschen Radio. Dabei ist mir nun schon ein paarmal das folgende Lied untergekommen: “You and me (in my pocket)” von Milow (sagt jedenfalls das Internet). Die Musik klingt unheimlich nach Sommer, Sonne und guter Laune, und Titel und Refrain lassen auf ein romantisches Zweisamkeitsdings schließen.

Suzanne Vega: Luka

Wenn ich sage, die Leute hören nicht zu, was jemand singt, dann fällt mir dieses Lied immer als allererstes Beispiel ein. Im Gegensatz zu vielen anderen singt Suzanne Vega nämlich sehr klar und deutlich, und es ist auch kein kniffliger Text. Ich habe das mal übungshalber mit einer Nachhilfeschülerin rausgehört, die eigentlich sehr gut in Englisch war, aber bei jeglicher Form von Listening Comprehension kläglich versagte (und dummerweise hatte sie eine Lehrerin, die da viel Wert drauf legte).

LİLİTH: Lorî lorî

Das ist das erste Lied von der CD Göğün yarısı – Hälfte des Himmels von der mittlerweile in Berlin ansässigen Band LİLİTH, die mir im Feencamp so zulief. Schon allein aufgrund des Bandnamens musste ich sie natürlich anhören, und empfohlen wurde sie mir auch. Da saß ich also, Stöpsel in den Ohren, und schlug das CD-Booklet auf, da ich leider so gut wie kein Türkisch kann und das Lied sowieso kurdisch ist. Göttin, was habe ich geweint! Sturzbäche. Ich riß mir mitten im Lied die Stöpsel aus den Ohren und ging raus, um mir die Augen auszuheulen.

John Lennon: Imagine

Kaum zu glauben: diesen Text fand ich tatsächlich irgendwann mal doof. Keine Hölle, das war okay für mich, aber kein Himmel? Nö. Jetzt halte ich mir das immer wieder als ein exzellentes Beispiel vor Augen, wie sich die eigenen Werte und Überzeugungen doch ändern können. In amicativen Ausdrücken gesprochen käme hier das Paradigma der Gleichwertigkeit ins Spiel.

Eric Bogle: Safe in the harbour

Wirklich einer meiner Lieblingstexte, über Träumer und Seefahrer und über die, die zu feige und zu verächtlich für beides sind. Ein Lied voll Sehnsucht und Träume, von der ersten Zeile an. Geschrieben hat Eric Bogle es für Stan Rogers, einen befreundeten Musiker, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Dessen Leidenschaft für das Meer und die Seefahrt inspirierten ihn zu diesem Text. Aber abgesehen vom Refrain ist dieses Lied für mich eine kraftvolle, poetische Hymne an das Leben als ein Träume-verwirklichen, und es drückt deutlich aus, was einem Leben ohne Träume fehlt.